Lebensgeschichten

Wer ist Tina ? 22.August 2001
Die gepiercte Mutter 17.August 2001
Eins, zwei, viele 20.Juni 2001
Oma mit 34 23.August 2001
An mein Kind, das es nicht gibt 26.Juli 2001
Die Glucke 8.Oktober 2001
Eine "alte" Mutter 12.August 2001
Nicht-Normfrau hoch 10 21.Oktober 2001
Jennys Geschichte 17.August 2001
Eine besondere Mutter 7.November 2001
Die Punkmutter 18.August 2001

Das falsche Geschlecht 18.Januar 2002
Das Hausmütterchen 17.August 2001
Ich wusste es schon immer 24.Januar 2002

Das Leben der Wasserfrau 17.August 2001

Die Kurve gekriegt 22. Juli 2002
Die Hexe  7. Mai 2003
 

Deine Geschichte auf dieser Seite ??? Dann schick mir bitte eine Mail !


Wer ist Tina ?

Geboren wurde ich im Zeichen der Jungfrau anno 1972 - meine Eltern gaben sich (erfolgreich) große Mühe mich noch vor meiner Geburt zu legalisieren, wer weiß was sonst aus mir geworden wäre .... Ich war ein wirkliches Normkind, brav und aufmerksam in der Schule und zeigt gute Leistungen. Ich besuchte später sogar ein Gymnasium und musste keine Klasse wiederholen, Englisch und Latein brachten mich nahe an den Abgrund, aber ich schaffte es trotzdem eine weiße Schulweste zu behalten ! Ganz normmässig durchstand ich die Zahnspangenzeit (gibt es 14 Jährige ohne Draht im Mund ??), doch dann zeigten sich erste aufmüpfige Zeichen : ich ließ mir die Ohrlöcher durchstechen, ein Loch auf jeder Seite ganz normal. Doch eines Tages war es soweit, ich beugte mich weit aus dem Fenster und ließ mir ein drittes Ohrloch stechen ! Mein Vater bemerkte es zwei Wochen später, sprang im Dreieck, rief was von Selbstverstümmelung. Meine Reaktion war klar - ich ließ mir im Laufe des nächsten Jahres noch zwei Löcher stechen :-) (inzwischen sind es sechs Ohrlöcher und ein Bauchnabel Piercing).

Mit 18 brachen die Hormone durch und endlich wurde auch ich für das andere Geschlecht interessant (trotz Ohren wie ein Sieb ...). Nach der ein oder anderen eher kurzen Beziehung mit gleichaltrigen Jungen (wie sich das gehört) wurde ich dann auf IHN aufmerksam: 

Mein Mann und ich kannten uns eigentlich schon ziemlich lange, aber weil er 8 Jahre älter ist als ich, war er an mir als 10 jährigen Mädchen nicht sonderlich interessiert. Das änderte sich schlagartig als ich 17 Jahre alt war :-) Es dauerte trotzdem noch einige Zeit bis wir zueinander fanden, aber dann ging es ganz schnell - 8 Wochen nach unserem ersten Kuss war ich schwanger - nicht vom küssen, soviel verrate ich......

Unser Umfeld gab unserer Beziehung von Anfang an keine großen Chancen, aber jetzt sorgten wir doch wirklich für Gesprächstoff. Ich habe die Schule nach der 12.ten Klasse beendet, sehr zum Leidwesen meiner Eltern, besonders meiner Mutter, die immer wieder angeboten hat mein Kind zu betreuen, damit ich das Abitur machen könnte. Statt Abitur blieb ich ein Jahr lang mit meiner Tochter zuhause (wir wohnten bei der Mutter meines Mannes) und geheiratet haben wir auch nicht.

Als meine Tochter dann 11 Monate alt war begann ich eine Ausbildung zur Physiklaborantin, wir fanden endlich eine eigene Wohnung und meine Tochter war bei meiner Mutter bestens aufgehoben. Mein Mann ging zu dieser Zeit auf eine Abendschule und wir haben uns kaum gesehen, uns eigentlich nur die Klinke in die Hand gedrückt. Trotzdem haben wir diese Zeit gut überstanden und so hatte ich nach 2 1/2 Jahren meine Lehre vorzeitig beendet, fand eine Halbtagsanstellung in meinem Beruf und ein Jahr später machte auch mein Mann (zwischendurch haben wir unsere Beziehung legalisiert) seinen Abschluss zum Elektrotechniker.

Ich wurde schwanger mit meinem Sohn, wir fanden eine größere Wohnung, es hätte alles so schön sein können :-) Doch ein Jahr nach der Geburt meines Sohnes wurde ich wieder schwanger (dieses Thema behandelt der nächste Text genauer)

Inzwischen haben wir eine noch größere Wohnung gekauft, sind immer noch verheiratet (seit inzwischen 8 Jahren) und ich arbeite als Tagesmutter. Ich habe letzte Wochen meinen Halbtagsjob gekündigt, weil ich absolut keine Möglichkeit sehe mit drei Kinder "richtig" arbeiten zu gehen. Meine Tagesmuttertätigkeit wird nur in Extremen bewertet : entweder mit sehr großer Achtung oder total abwertend, beides kann ich kaum noch hören. "Soooo viele Kinder, das könnte ich nicht ! Dass du so starke Nerven hast !" bzw. "Tagesmutter? Mit Kindern zuhause bist du sowieso ..."

So, jetzt wisst ihr grob, mit wem ihr es hier zu tun habt, Details werden nachgereicht *g*

 

22.08.01 von Tina 

zurück nach oben

 


Eins, zwei, viele

Die durchschnittliche deutsche Frau bekommt 1,7 (natürlich eheliche!!!) Kinder mit einem Altersabstand von 2,5 Jahren, gemischten Geschlechts (den Jungen zuerst) und wenn Kind Nummer 2 dann endlich 3 Jahre alt ist, geht frau halbtags arbeiten um nicht zuhause als Hausmütterchen zu verblöden - soweit das Ideal.

Nun zu mir:

Mein erstes Kind bekam ich mit 19 Jahren, unehelich und ein Mädchen war es noch dazu.

5 ½ Jahre später hatte ich es dann endlich geschafft mich gesellschaftlich einigermaßen hochzuarbeiten:

ich war verheiratet (sogar mit dem Vater des Kindes!!!!), hatte eine Lehre abgeschlossen, arbeitete halbtags und war schwanger mit Kind Nummer 2 und das war dann quasi als Belohnung auch ein Junge, so dass ich ein Pärchen hatte und rund um glücklich sein durfte.

Menschen aus meinem gesellschaftlichen Umfeld, die es gut mit mir meinten, beglückwünschten mich zu meinen Pärchen-Kindern und flüsterten mir verstohlen zu, dass es jetzt aber genug sei, gell, zwei Kinder reichten? !

Als mein Sohn etwa 6 Monate alt war, da regten sich meine Hormone plötzlich wieder, meine stark ausgeprägten Mütter-Hormone. Es bedurfte langer Gespräche mit meinem Mann um mich davon zu überzeugen, dass es völliger Wahnsinn ist, mehr als zwei Kinder zu haben:

· die finanzielle Belastung

· mangelnder Wohnraum

· Eltern, die keine Nerven für noch ein Kind und seine Macken haben

· die gesellschaftliche Ächtung

· und das moralische Abseits, in das wir unsere Kinder stellen würden

Ich gab nach, trug meinen Kinderwunsch zu Grabe, bis......

...... bis ich weitere 6 Monate später bei meinem Frauenarzt zur Kontrolle war, es sollte der korrekte Sitz meiner Spirale überprüft werden.

Der Arzt taste mich ab, sein Gesicht verzog sich und er sagte: “ohohhhhh ....“(damals gab es noch keine Teletubbies, aber der Gesichtsausdruck, der Ausspruch - Leute, ich hätte Millionen scheffeln können...

“Ohohhhhhh - was???“ fragte ich.

“Ohoooooohhhhh - ihre Spirale ist nicht mehr da, wo sie sein soll, runtergerutscht!“ klärte er mich auf.

Ich mache es kurz - er zog die Spirale dann ganz raus, ich machte eine Woche später einen Schwangerschaftstest und der war positiv und mein gesellschaftlicher Ruf dahin, ruiniert, unten durch *seufz*

Es begann ein Spießrutenlauf wie ich es mir kaum vorgestellt hätte:

egal wem ich erzählte, dass wir noch ein Kind bekommen würden, derjenige wurde im Nullkommanix zum Komiker, ließ einen flotten Spruch vom Stapel oder überschüttete mich mit witzigen Kommentaren, ich konnte oftmals das Lachen kaum unterdrücken:

· "Habt ihr keinen Fernseher??"

· "MUSSTE das denn sein?"

· "Das war ein Unfall, gelle???"

· "Zu blöd zum Verhüten??"

· "Wirst du es auch noch bekommen???"

· "Was sagen denn die anderen dazu???"

Es kam soweit, dass ich mich mit der Ankündigung auf mein drittes Kind gleich dafür entschuldigt habe

"... , aber es war ein Unfall, Spirale war verrutsch !"

Es war irgendwann im 6.ten Monat meiner gesellschaftlich untragbaren Schwangerschaft, als ich in mich ging und darüber nachdachte, was es eigentlich die Kassiererin im Supermarkt angeht, wie ich versucht habe zu verhüten. Ich dachte darüber nach, was es alle anderen Leute in meiner Umgebung angeht, wie viele Kinder ich bekomme - wer steht denn in der Nacht auf?

Und dann wurde ich richtig wütend, wütend auf mich, weil ich mich in die Versager-Rolle gefügt hatte und wütend auf all die anderen, die mich da gern gesehen haben; wütend auf die 2-Kind-Mütter, die verachtend auf meinen dicken Bauch geschaut haben und wütend auf meinen Körper, der mich erst in diese missliche Lage gebracht hat.

Nur auf einen Menschen war ich niemals wütend: auf mein Baby

Meine kleine Tochter wurde am 4. Januar 1999 geboren, sie hat einen ausgeprägten Dickkopf, setzt ihre Interessen lautstark durch und für ein gesellschaftliches Fiasko sieht sie mit ihren blonden Löckchen ziemlich niedlich aus.

Zum blanken Entsetzen meiner Umgebung haben weder mein Mann noch ich uns postwendend sterilisieren lassen - sicher ist schließlich sicher. Wir haben ein größeres Auto gekauft (wir fahren jetzt VW Bus), wir sind in eine größere Wohnung umgezogen und haben uns markige Antworten an alle Lästerbacken zugelegt :

"Wir machen das wie die Bieber, wir bauen unser Haus mit dem Schwanz!!!".

Um dem finanziellen Kollaps entgegenzuwirken und weil ich ja schon gerne noch mehr Kinder hätte, arbeite ich als Tagesmutter - ich gebe zu, das beeindruckt den Kollaps kaum, aber mir macht es Spaß.

Seitdem ich selbstbewusster bin, hat sich auch die Haltung der Anderen geändert - ich werde jetzt bestaunt, weil ich trotz der ständig wechselnden Anzahl Kinder um mich herum (aber viele sind es immer) nicht zum kettenrauchenden Nervenbündel mutiert bin.

Auf die aufmunternde Frage, wann denn das nächste Kind käme (wer drei Kinder hat, der ist auch für 27 Kinder gut...), antworte ich mit einem Lächeln auf den Lippen:

Mal sehen, vielleicht schon bald? !!

und sie nehmen es hin......

Und siehe da, in meiner Krabbelgruppe outen sich plötzlich immer mehr Mütter als potentielle 3-Kinder-oder-noch-mehr-Wünscherinnen, wir rotten uns zusammen!

Jetzt fragt ihr euch vielleicht, ob ich wirklich noch ein 4.tes Kind bekommen werde, womöglich schon schwanger bin????

Schaun mer mal......

 

20.06.01 von Tina 

zurück nach oben


An mein Kind, das es nicht gibt

Liebes Kind,

ich weiß nichts von dir, denn du bist nicht gezeugt und du wirst so wie es aussieht auch niemals gezeugt werden.

Ich würde mich schon über dich freuen, mein Herz sehnt sich nach dir, aber mein Verstand sagt mir, dass es absolut unvernünftig wäre dich zu bekommen.

Du hättest zwei Schwestern, einen Bruder und einen liebevollen Vater. Du würdest in einem liebevollen Zuhause aufwachsen und müsstest keine lebensnotwendigen Dinge entbehren.

Wir müssten uns allerdings finanziell enorm einschränken und manchmal reicht die Kraft deiner Eltern gerade so für deine drei Geschwister und dann haben wir Angst, mit dir und deinen Bedürfnissen überlastet zu sein.

Ich möchte so gern wieder das Wunder des Lebens in meinem Bauch spüren, die ersten zaghaften Fußtritte, die ernormen Kräfte, die bei der Geburt frei werden, dieser Moment, wenn ich mein Neugeborenes das erste Mal in den Arm nehme, das erste Mal Anlegen – aber ich darf nicht das wochenlange Kübeln zu Beginn der Schwangerschaft vergessen und auch die 5 Monate ständigen Sodbrennens lassen sich nur schwer verdrängen. Und so schön eine Geburt auch ist, jedes Mal war es eine verdammte Plackerei, begleitet von wahnsinnigen Schmerzen.

So sehr ich mich nach deinem Duft sehne, dieser Duft, den jedes Baby verströmt, sosehr ich dieses kleine Bündel Mensch an mich drücken möchte – so sehr graust es mich vor durchwachten Nächten, durchbrüllten Kolik-Tagen und weiteren 3 Jahren Windelnwechseln.

Du müsstest dir ein Zimmer mit zwei deiner Geschwister teilen, viel Platz zum Spielen und Toben bliebe nicht mehr.

Ach Kind, ich sehne mich nach dir und ich fürchte mich gleichzeitig.

Ich bin neugierig auf dich, wie du aussiehst, welche Angewohnheiten würdest du haben? Hättest du die gleichen blonden Locken wie deine Schwester, würdest du genauso interessiert fragen wie dein Bruder? Würdest du genauso trotzig sein? Oder wärst du so ruhig und ausgeglichen wie deine älteste Schwester?

Ich habe Angst später zu bereuen dich nie geboren zu haben, aber ich habe auch Angst zu bereuen es doch getan zu haben.

Aber ich werde mit ersterem sicher besser klarkommen als mit der zweiten Befürchtung.

Die Frau, die sich nicht zutraut deine Mutter zu sein

 

26.07.01 von Tina 

zurück nach oben


Eine "alte" Mutter

Mein Mann und ich haben beide eine gescheiterte Ehe hinter uns, das ist auch der Grund, warum wir uns "später" kennen gelernt haben. Er war 37 Jahre "jung oder alt" und ich war 27 Jahre "jung oder alt" als wir geheiratet haben. Zum ersten Mal Mama und Papa wurden wir, als ich 31 1/2 und er 41 Jahre alt war. Zum zweiten Mal wurden wir Mama und Papa als ich 35 und er 45 Jahr alt waren. Somit war für unsere Verwandtschaft "unsere" Familienplanung abgeschlossen. Für meinen Mann und mich war dies allerdings nicht so klar. Somit haben wir unserem Glück nun noch die Krone aufgesetzt. Ich bin mit fast 37 Jahren noch einmal schwanger geworden. Mein Mann und ich haben uns riesig über die Schwangerschaft gefreut und auch unsere 5jährige Tochter ist ganz aus dem Häuschen und kann es kaum erwarten, bis das Baby geboren wird.

Voller Freude haben wir es zuerst meinen Schwiegereltern erzählt. Sie haben uns gratuliert und mir schien, als ob sie sich freuen würden. Ein paar Tage später sprach meine Schwiegermutter mit mir unter vier Augen und meinte, ich solle mir das mit der Schwangerschaft doch noch einmal überlegen, ich wäre doch noch recht früh dran und eine Abtreibung wäre doch heutzutage kein Thema mehr. Ich war entsetzt und geschockt. Was soll man darauf antworten?

Eine ähnliche Reaktion erhielt ich von meiner Verwandtschaft. Zuerst habe ich es meinem Bruder erzählt. Am Telefon habe ich ihm gesagt, dass er noch einmal Onkel werden würde. Da war erstmal Ruhe in der Leitung und ich dachte schon, dass die Leitung unterbrochen wäre. Er sagte: "Meinst du das jetzt im Ernst? Ach Du Scheiße, aber nun ja, dass muss jeder selber wissen". Tja diese Reaktion habe ich nicht erwartet. Ich dachte, dass meine Familie sich genauso freut wie wir uns freuen. Aber ich habe mich getäuscht.

Meine Mutter meinte, als ich ihr sagte, dass sie noch einmal Oma werden würde: "Was habt ihr Euch denn dabei gedacht, in dem Alter? Na, das müsst ihr selber wissen!". Keine Gratulation, keine Freude. Dabei war sie 42, als sie meine jüngste Schwester bekam.

Ich war den Tränen nahe und begann wirklich schon zu zweifeln, ob wir wirklich das Richtige getan haben. Ich war total verunsichert. Die Reaktion meiner Schwester gab mir dann allerdings den Rest.

Sie meinte, in dem Alter bekommt man doch keine Kinder mehr, das werden doch Deppen, das wäre doch bewiesen. Außerdem wäre es dem Kind gegenüber total unfair, es hätte ja nie einen Vater, sondern gleich einen Großvater. Später in der Schule müsse sich das Kind ständig für so alte Eltern schämen. Und außerdem drei Kinder, da zählt man ja schon zu den Asozialen.

Dabei fühlen wir uns noch gar nicht so alt. Wir sind total aktiv und unternehmen viel mit unseren Kindern.

Ich war, wie schon erwähnt total aus dem Häuschen. Verletzt, gekränkt und sehr enttäuscht. Es tut sehr weh, dies von der eigenen Familie zu erfahren. Ich habe tagelang geweint und mich so sehr in die Sache reingesteigert, dass es kam, wie es kommen musste, ich bekam Wehen. Mein Muttermund hat sich auf 2.7 cm verkürzt und somit besteht erhöhte Frühgeburtgefahr.

Jetzt, da ich viel Liegen muss, habe ich auch viel Zeit zum nachdenken. Ich muss lernen, über den Dingen zu stehen und solche Aussagen nicht für "voll" zu nehmen. Wir freuen uns auf unser Kind, jetzt erst recht. Ich muss niemandem Rechenschaft über unser Leben ablegen und wir treffen unsere Entscheidungen selbst, nicht unsere Verwandtschaft. Kinder zu haben ist die beste Entscheidung, die man treffen kann.

Sollten noch ein paar solche Sprüche kommen, bin ich gewappnet!! Wer weiß, vielleicht bekommen wir ja noch ein Kind, wenn asozial, dann schon richtig.

12. August 2001 von Birgit

zurück nach oben


Jennys Geschichte

Mein Name ist Jenny und ich wurde 1975 als ältestes von vier Kindern geboren. Mein Vater ist Tischler und hatte sich grade selbstständig gemacht. Meine Eltern waren grade zehn Monate verheiratet als ich geboren wurde. Ich war ein süßes Kind und die Freude meiner ganzen Verwandtschaft. Meine Mutter hatte nach der Hochzeit ihren Job als Verkäuferin aufgegeben, und half von da an meinem Vater mit der Buchhaltung und dem Einkauf. Da das aber nicht so viel Zeit in Anspruch nahm und da sie absolut kindernärrisch ist folgten nach meiner Geburt noch zwei Jungens (*1978 und *1980) und ein Mädchen (*1982).

Ich lebe im Rheinland und Familien mit vier Kindern kommen hier häufig vor. Fast alle unsere Bekannten hatten drei oder vier Kinder es war als keinesfalls unkonventionell was meine Mutter da machte.

Zu meiner Kindheit gibt es nicht viel zu sagen. Ich war ein pflegeleichtes Kind und gut in der Schule. Meistens spielte ich mit meiner Schwester und meinen Freundinnen Vater, Mutter, Kinder und es war logisch, dass Vater und Mutter bei diesem Spiel zuerst immer kirchlich heiraten. Dafür ist das Rheinland schließlich das Rheinland.

Wir Kinder wuchsen und gediehen und schließlich kam ich in die vierte Klasse und meine Mutter erklärte mir, dass ich auf die Realschule gehen könnte wenn ich weiter so fleißig wäre. Ich war also fleißig aber wohl ein bisschen zu sehr, denn der Lehrer sagte zu meiner Mutter: “Dieses Kind gehört aufs Gymnasium“. Meine Eltern waren zuerst verwirrt dann stolz und meldeten mich schließlich bei einem Gymnasium und dann noch direkt bei einem altsprachlichen an.

Ich hatte als erste Fremdsprache Latein, meine Mutter hielt mich dauernd an den Leuten was auf Latein zu sagen. Dabei ist Latein eine tote Sprache. man kann kein Latein „sprechen“, sondern wir mussten immer nur vom Latein ins deutsche übersetzen, aber das ist wohl eine von den Tatsachen die meine Mutter nie kapiert.

Nur manche Nachbarn waren etwas entsetzt, ob es denn für ein Mädchen wirklich nötig wäre auch noch aufs Gymnasium zu gehen. Ob mir das nicht zu Kopf steigen würde.

Andere sagten: “Sie muss jeden Tag eine halbe Stunde mit dem Schulbus fahren, wie schrecklich. Als ob es wirklich so wichtig wäre auf das Gymnasium zu gehen.“ „ Diese Schule ist in der Stadt, dort hängen die Drogensüchtigen rum, halte dein Kind von dieser Schule fern“ wussten andere. Dabei war das Gymnasium in einer Kleinstadt von grade mal 150.000 Einwohnern.

Meine Brüder gingen später auch auf ein Gymnasium, aber für einen Jungen fand das niemand außergewöhnlich.

Meine Schwester ging auf die Realschule.

Auf dem Gymnasium waren noch mehr Mädchen, die alle eigentlich recht normal waren und wenn ich sie nach Hause einlud auch nett und freundlich zu den Nachbarn waren und die Vorurteile legten sich mit der Zeit.

Ich war trotzdem noch viel mit meinen alten Freundinnen zusammen und wir verstanden uns immer noch prima.

Wir organisierten zusammen mit dem Pfarrer Spiele und Ausflüge für die Kommunionsgruppen und meine Mutter kriegte von ihren Freundinnen viele Glückwünsche zu hören, dass ich trotzdem nicht abgehoben hätte.

Ich hatte mehrere liebe Freunde alle nett, alle aus Familien die die meine seit langen kannten. Es wäre nicht mal ein Problem gewesen, wenn uns ein Kondom geplatzt wäre. Doch es war nie der Fall.

Dann kam der Tag der mein ganzes Leben verändern sollte. Ich war damals 18 und verbrachte mit meiner Freundin zwei Wochen bei ihrer Cousine in Holland. Diese Cousine hatte einen Kumpel, der aus Ghana stammte. Seine offene und fröhliche, aber auch seine braune Haut und seine Locken gefielen mir sofort, aber da ich wusste, dass er eine Freundin hatte schminkte ich mir die Sache ab.

Am Tag als wir wegfuhren ginge meine Freundin, ihre Cousine und der Rest der Clique noch ein letztes mal an den Strand. Ich blieb mit ihm zusammen im Haus und beschlossen den Rest der Bowle vom letzten Abend zu trinken. Zuerst alberten wir nur herum , aber irgendwie ergab eins das andere und einen Monat später stellte ich fest, dass ich schwanger war.

Meine Eltern vielen aus allen Wolken als ich ihnen von der Schwangerschaft erzählte. Es bestand kein Zweifel, dass das Kind von ihm war, denn ich war vorher seit Monaten Single gewesen.

Ich kannte nicht einmal seinen Nachnamen. Wir fuhren nach Holland und die Cousine meiner Freundin sagte uns sein Adresse. Wir redeten miteinander und uns wurde klar, dass wir uns eigentlich Fremde waren. Als er aussprach, dass er mich nicht heiraten wollte war ich sehr erfreut, dass ich es nicht aussprechen mussten, denn ich dachte im Grunde das gleiche.

Im Dorf kriegte ich vor allem viel Mitleid zu spüren. Für unsere Nachbarn war es ein eindeutiger Fall, dass der Kerl mich verführt hatte und sich nun weigerte mich zu heiraten, obwohl ich das ihrer Meinung nach so gerne wollte.

Ich machte hochschwanger mein Abitur und brachte kurz danach meinen Sohn zur Welt. Das Dorf konnte sich immer noch nicht einkriegen über den Kindsvater. „So sind die Schwarzen“ hieß es. Mein Sohn ist auch zur Hälfte schwarz, deshalb wurde ich sauer, wenn sie ein schlechtes Wort darüber sagten. Sie beteuerten dann immer, dass das natürlich nicht bezogen auf mein Kind wäre, aber trotzdem.

Ich trug meinen Sohn von Anfang an mit dem Tragetuch herum, da ich von den Vorteilen überzeugt bin. Nicht umsonst hatte ich in der Schule Pädagogik belegt. Getragene Kinder entwickeln sich in der Regel besser und haben ein besseres Selbstvertrauen. Nebenbei ist es auch schön seinen kleinen Spatz so nah bei sich zu wissen.

die Leute zerrissen sich das Maul. Wie könnte es sein, dass ich im Pädagogikunterricht irgendetwas lernen würde was sie als Mütter von mehreren Kindern nicht wüssten. Sie prophezeiten, dass mein Sohn unsportlich werden würde und einen krummen Rücken kriegen würde. Inzwischen ist mein Sohn in der zweiten Klasse, hat einen graden Rücken - im Gegensatz zu vielen anderen Schulkindern- und ist einer der besten im Sport.

Ich kriege immer vom Kinderarzt zu hören, dass es eine Freude ist ein Kind zu sehen, dass so eine gute Körperhaltung hat und kann inzwischen über diese Kommentare nur noch lachen.

Das zweite Problem war, dass ich stillen wollte. In unserem Dorf glaubten damals alle zu wissen, dass die Muttermilch allerspätestens mit dem dritten Monat zu wenig würde. Dann müsste man Flaschenmilch zufüttern. Widerwillig fütterte ich zu. Die Leute waren erleichtert. Doch sie waren entsetzt als mein Sohn auch nach dem sechsten Monat (da muss man ihrer Meinung nach vollständig abgestillt haben) immer noch stillte. Sie meinten er würde unselbständig und Besitz ergreifend davon werden. Außerdem würden angeblich seine Zähne durch die Muttermilch kaputt gehen. Ich konnte immer nur sagen, dass ich es in der Schule anders gelernt hätte und man hielt mir entgegen, dass ich durch die Schule wohl überheblich geworden wäre und glaubte alles besser zu wissen. „ich bin schließlich Mutter von soundsoviel Kindern, wem glaubst du also? Deinem Lehrer oder mir“ hieß es immer. Ich begann zu zweifeln und stillte als mein Sohn ein Jahr alt war ab, was nicht ohne Tränen abging und ich bedauere es heute nicht länger gestillt zu haben.

Ich fühlte mich in meinem Dorf nicht mehr wohl, aber in der Stadt war es noch schlimmer. Dort wurde mein Kind von Passanten abfällig Negerkuss oder Schokokeks genannt. Die Leute witzelten, dass ich mit ihm zu viel in der Sonne gewesen wäre und so weiter. Einmal wollte fuhr ich mit dem Bus und da viele Plätze frei waren setzte ich mich auf den nächst besten, der zufälligerweise der Behindertenplatz war. Meinen Sohn hatte ich auf dem Schoß.

Dann stieg ein Frau ein, meiner Meinung nach war ihre Behinderung nicht sehr schlimm, ich konnte jedenfalls keine erkennen. Sie fing an zu keifen: „Das ist der Behindertenplatz, stehen sie sofort auf.“ Ich antwortet höflich, dass noch viele andere Plätze frei wären und sie sich vielleicht dorthin setzen könnte. Da sagte sie: “Du Negerhure, steh sofort auf und mach diesen Platz für Behinderte frei. Sie froh, dass wie dich in unserem Land dulden.“ Ein alter Mann der neben ihr stand stimmte ihr lauthals zu. Die anderen Fahrgäste schauten betroffen weg. An der nächsten Station stieg ich aus und lief mit Tränen in den Augen den ganzen weg zu Fuß. Mein Sohn spürte meine Trauer und hatte auch irgendwie kapiert, dass es um ihn ging.

Ich hatte über die ganze Situation schon mit meiner Brieffreundin geredet, die in Köln wohnt und sie hatte mich oft eingeladen zu ihr zu ziehen, weil dort die Situation anders ist.

Am Abend eröffnete ich meiner Familie nach Köln ziehen zu wollen. Sie waren nicht so begeistert, aber als sie sahen, dass es mir ernst war wünschten sie mir alles gute und versprachen mir mich zu besuchen.

Ich bin dann zu meiner Brieffreundin in die WG gezogen. Köln war wie eine andere Welt niemand hat dort blöde Bemerkungen über meinen Sohn gemacht oder sich nach ihm auch nur umgedreht.

Ich bin immer wieder erstaunt darüber wie selbständig dort schon die jungen Mädchen sind und wie selbstverständlich sie alle Freiheiten für sich beanspruchen.

Ich bin auch positiv überrascht über das miteinander verschiedener Lebensstile dort. Nicht zuletzt habe ich auch Frauen getroffen die wie ich lange gestillt haben, weiß also heute, dass ich keine Ausnahme bin.

Mein Sohn ist inzwischen acht Jahre alt. Ich bin inzwischen 26 und seit zwei Monaten glücklich verheiratet.

Jetzt versuchen meine Eltern und Geschwister mich zu einem zweiten Kind zu überreden, denn sie glauben, dass mein Mann ein leibliches Kind braucht um glücklich zu sein und dass Einzelkinder alle verzogen werden würden.

Aber inzwischen habe ich gelernt mir nicht von fremden Leuten ein Leben überstülpen zu lassen.

 Jenny, 17. August 2001

zurück nach oben


Die Punkmutter

Wo ich genau vom Pfad der Tugend abkam, kann ich leider nicht mehr genau sagen, auf jeden Fall, schmiss ich mit 16 das Gymnasium und rannte mit pinken Haaren durch die Gegend. Danach absolvierte ich erfolgreich eine Lehre als Malerin auf dem Bau und bekam mit 23 einen hübschen Sohn. Unehelich, von einem Ausländer, im Ausland wohnend. Ich versuchte alles um eine gute Mutti zu sein. Normale Frisur, 5 Monate vollstillen, las mich durch die ganze pädagogischwertvolle Literatur und versuchte nebenbei noch mich und meinen Sohn durch das Leben zubekommen, da wir in der Schweiz so etwas wie Erziehungsurlaub, Mutterschaftsversicherung leider noch nicht kennen. Tja, nach 6 Monaten verstarb mein Sohn. Einfach so. Plötzlicher Kindstod. Blöde Sprüche? Ja die gab es, zuhauf. Es gab auch Leute, die mich fortan nicht mehr grüßten oder sich umdrehten wenn sie mich sahen. Nun habe ich den Kindsvater aber doch noch geehelicht und ins Land geholt. Einen Kanadier, aufgewachsen in Deutschland. Seit 7 Monaten haben wir nun ein Mädchen. Wir haben noch ein kleines Schallplattenlabel mit Punkmusik und oft merkwürdigen Besuch aus anderen Ländern. Ich sage euch, wenn meine Nachbarn mich nicht hätten, da wäre ihr Alltag ganz schön trist.

Daniela, 18. August 2001

zurück nach oben


Das Hausmütterchen

Mit 21 wurde ich das erste Mal Mutter einer Tochter *schonaußerdernorm* ;-); 16 Monate später bekam ich meinen Sohn. Nach den zwei Jahren Karenzzeit fing ich in meinem alten Job wieder an, wechselte ihn nach eineinhalb Jahren, und als ich am bisweiligen Höhepunkt meiner kleinen Karriere war, wollte ich ein drittes Kind.

Bis kurz vor der Geburt meiner zweiten Tochter arbeitet ich noch immer, strotzend vor Energie und Kraft. Geplant war, dass ich nach der Geburt weiterarbeite....als die Kleine 6 Wochen alt war, stieg ich wieder ein, aber es war ein einziges Fiasko. Nichts war geblieben von der starken, energiegeladenen Frau, die alles unter einen Hut bringt.

Ich war verzweifelt. Mein ganzes Weltbild geriet ins Wanken. Ich hatte ein schrecklich schlechtes Gewissen - einerseits weil ich meine Kleine allein ließ, andererseits, weil ich im Job nicht mehr das brachte, wozu ich vorher imstande war....

Tja, ich blieb dann doch zu Hause... und es hat über ein ganzes Jahr gedauert, bis ich mich mit meinem neuen Job *g* als "Nurhausfrauundmutter" anfreunden konnte. Bis ich akzeptieren konnte, dass ich auch so was wert bin, ohne dass ich eine Karriere aufweisen kann.

Jetzt bin ich zu Hause, ich bin immer für meine Kids da, sie brauchen mich, sie genießen es, dass ich da bin, und ich genieße es auch! Ja, jetzt kann ich es!!!

Oft ärgere ich mich, dass ich mich von diesen gesellschaftlichen Vorgaben (?) hab leiten lassen: Du bist nur zu Hause? Wann fängst denn wieder zu arbeiten an?

Jetzt sag ich ganz ohne Wehmut: "Das dauert noch ein bisschen, weil wir arbeiten an einem vierten Kind!"

Wem die Kinnlade herunterfällt... bitte, mir ist`s egal!

Mela, 17. August 2001

zurück nach oben


Das Leben der Wasserfrau

Ich hab mit 18 Jahren ein Ausbildung abgebrochen und dann so rumgejobt. Da lernte ich dann irgendwann mal meine jetzige Schwägerin, damals beste Freundin kennen, die mir unbedingt ihren Bruder vorstellen wollte, der sei ja soo nett. Ich willigte ein, lernte diesen Mann kennen und hasste ihn vom 1. Moment an ;-) Er aber verliebte sich auf den ersten Blick in mich und lies mich nimmer in Ruh, bis dass ich schließlich "aufgab". Mit 22 Jahren bin ich dann also ohne Ausbildung und Job aus dem tiefsten Sauerland nach Köln gezogen- zu einem Mann, den meine Mutter hasste und immer noch nicht mag, der auch noch mitten im Studium steckte. Ich suchte mir also einen Job, fing im Januar an und stellte im Februar fest: ich bin Schwanger !! Na gut.. ich kriegte also (und das ist ja Norm *gg*) einen wunderschönen Sohn und trotz aller Schwierigkeiten, vor allem finanziell und alle Unkenrufe zum Trotz wurden wir ein kleine, glückliche Familie... allerdings ohne Trauschein, was meine Eltern und auch Schwiegereltern doch arg mitnahm. Als es auf meinen 26 Geburtstag zuging, überkam mich so ein Kribbeln... ist das alles?? Nur Mutter? Mein damaliger Freund (und jetziger Mann- ich geb`s ja zu) war fertig mit seinem Studium und was hatte ich?? Noch nicht mal ne Ausbildung ..ich hatte das Gefühl, ich würde verdummen. So suchte ich mir also ne Tagesmutter und machte eine Ausbildung zur Industriekauffrau. Das erste Spiesrutenlaufen begann *seufz* Du hast doch ein Kind, Wozu die Ausbildung? Es reicht doch, wenn Du beim Aldi an der Kasse Dir `nen Job suchst... und und und... Auch so Sachen wie : "mit Kind schaffst`e das eh nicht" kamen *grummel* Naja- allen Unkenrufen zum Trotz: ich hab meine Ausbildung mit einem Gut (*stolz*) beendet, der Sohn hat es auch überlebt, trotz Ganztagskindergarten und Tagesmutter- also ging nun der "Ernst des Lebens" los- Jobsuche. Ich fand auch relativ schnell einen Job im kaufmännischen Bereich einer großen Fastfoodkette (die wo Stefan Raab für wirbt *gg*), allerdings muss man da erst im Restaurantbereich arbeiten, bevor man so richtig ins Büro kommt... das war nicht ganz so mein Ding- den ganzen Tag die Leute durch die Gegend jagen, immer freundlich zu den Gästen sein, immer adrett mit weißem Blüschen dekorativ im Restaurant zu stehen- da überkam mich die Idee: noch ein Kind muss her... Gesagt, getan- der großen Fastfoodkette gefiel das nicht- sie feuerten mich eiskalt, das nächste Spiesrutenlaufen begann: Du hast doch grad erst Deine Ausbildung fertig!!! Du hast doch grad erst deinen neuen Job angefangen!!! Der Sohn ist doch schon fast 6 Jahre, da fängt man doch nimmer von vorn an!! aber egal... wir bekamen dann also unsere "Quotentochter", damit die Familie dann auch ganz perfekt wurde, wurde noch mal schnell geheiratet (aber wirklich nur, weil ich ja arbeitslos war und der steuerliche Vorteil bei 2 Kindern und einem Brötchenverdiener ist nun nicht zu unterschätzen!!!)

Nun gut, die nächsten 2 Jahre sah`s perfekt aus: gut verdienender Vater, liebevolle Mutter und Hausfrau, ein großer Sohn, eine entzückender kleine Tochter... aber das reichte uns nicht *auauaua* Wir bekommen noch ein kleines Mädchen!!! Und zwar gewollt!! Kein Unfall--nein--mit Extra!!!

Was ich mir da für Sprüche anhören konnte- ein paar kennt ihr ja schon: zu dumm zum Verhüten? Habt ihr keine anderen Hobbys? Gerade jetzt, wo die Tochter doch in den Kindergarten kommt und Du so schön wieder hättest arbeiten gehen können? Hättet ihr die Babysachen nicht anderweitig wieder verwenden können- zum Beispiel auf `nem Flohmarkt verkaufen oder armen Leuten damit helfen können? Wieso zum Kuckuck noch ein Kind- ihr habt doch schon einen Jungen und ein Mädchen- mehr gibbet doch nicht?? Verdient dein Mann so wenig, dass ihr vom Kindergeld leben müsst? ach, einen hab ich noch vergessen (wir bauen grad - ein Einfamilienhaus im Grünen *gg*) das Haus könnt ihr euch doch nur leisten, weil ihr dann so viel Baukindergeld bekommt....

Naja, das war`s im Moment, aber ich bin es soo leid, dass egal, was ich mache, alles falsch ist: mit nur einem Kind heißt es: wann kommt das 2.? Mit 2 Kinder: aber das war doch wohl das letzte oder? Immer dieses Rechtfertigen für MEIN Leben, dass ich mit meinem Mann und meinen Kindern so gestalte, wie es uns passt....*arg*!

So: nun sind die Fensterbilder trocken, ich muss nur meine selbst gehäkelten Gardinchen zur Seite schieben, noch mal mit meinem Vileda übers Fenster putzen (was sollen denn sonst die Nachbarn denken??, dann kann ich sie freudig strahlend aufhängen, bevor ich beim Pizzaservice das Abendessen bestelle...

Wasserfrau, 17. August 2001

zurück nach oben


Die gepiercte Mutter

Alles schien perfekt. Ich hatte brav erst den Sohn, dann die Tochter bekomme. Machte einen auf Hausfrau und Mutter und überall herrschte Friede-Freude-Eierkuchen.

Das ich mich zwischenzeitlich 2 x piercen und noch mal tätowieren ließ, fiel gar nicht weiter auf. Naja, das Lippenpiercing schon, aber da wurde dezent drüber weg gesehen. Meine Schwiemu hat nie auch nur ein Wort darüber verloren. Mein Zungenpiercing hat sie, glaube ich, bis heute noch nicht entdeckt.

Mittlerweile wohnen wir in einem schnuckeligen, kleinen Haus und alles wäre wunderbar. Wenn, ja wenn ich nicht vor 3 Wochen verkündet hätte, dass wir noch ein Baby bekommen.

Meine Schwiemu war ziemlich geschockt (sie hat selber 3 Kinder!!), aber der Rest der Familie hat sich doch schon mit uns gefreut.

Klar, aus dem gesamten Umfeld gab es dumme Sprüche.

Kauft euch doch noch einen Fernseher für's Schlafzimmer (haben wir!); verdient ihr sooo schlecht, dass ihr euch mit dem Kindergeld durchbringen müsst (im Gegenteil!)?; ihr habt 2 gesunde Kinder, was soll denn der Scheiß jetzt?

Auf solche Sprüche habe ich immer einen anderen dummen Spruch auf Lager. Ich lass mir von den Pappnasen nicht meine Familienplanung vorschreiben.

Wir sind eine kleine, glückliche Familie und dies ist auch bestimmt nicht unser letztes Baby.

Nadja, 20. August 2001

zurück nach oben


Oma mit 34

Ich fange mal damit an, dass ich am 22.2.1964 in Berlin geboren wurde. 

Schon seitdem ich denken kann konnte ich mich für Kinder begeistern. Für mich stand schon immer fest, dass ich mal viele Kinder haben möchte. Es war zwar nicht geplant, dass ich mit 16 Jahren ein Kind bekomme, aber es kam so und da ich noch nie der Norm entsprochen habe- zum Ärger meiner Eltern- stand gleich für mich fest das ich dieses Kind bekomme, da kann kommen was will. Meine Mutter hat mich furchtbar verprügelt, als sie hörte, dass ich schwanger bin. Ich bin dann von zu Hause abgehauen, hab mal hier und mal da gepennt. Meiner Verantwortung meines ungeborenen Kindes bewusst bin ich dann 3 Wochen vor Melanies Geburt in ein Mutter-Kindheim gegangen. Am 24.8.1980 wurde dann mein erstes Kind geboren, Melanie sie war mein ganzer Stolz.

Da ich mich noch nie damit abfinden konnte mich an Regeln zu halten, die mir nicht passten bin ich mit 17 Jahren aus dem Mutter-Kindheim ausgezogen zu meinem damaligen Freund. Den Kontakt zu meiner Mutter hatte ich schon längst wieder abgebrochen, sie hatte ihr Enkelkind ein paar Mal gesehen und war immer der Meinung sie müsste mein Kind erziehen. Ich habe es bis heute nicht bereut so früh ein Kind bekommen zu haben. Ich wollte nie wie alle anderen in die Disco rennen oder Partys feiern. Es war schon immer so: das, was alle machten, kotze mich irgendwie an. Ich ecke lieber ständig überall an, aber ich kann sagen: ich bin ich.

 Im Laufe der Jahre bekam ich dann 1987 meine Tochter Michelle, 1990 meine Tochter Janina, 1993 meinen Sohn Marco, 1995 meine Tochter Sarah Marie (Sarah Marie verstarb nach 9 Monaten sie wurde mit einem seltenen Syndrom geboren und hatte nie eine wirkliche Chance im Leben). 

Als meine Tochter Melanie 17 Jahre alt war teilte sie mir mit das sie sich ein Kind wünscht. Obwohl ich sie ja selber so jung bekommen habe war ich erst gar nicht so begeistert, nicht jeder ist so hart im Nehmen wie ich und ich glaubte meine Tochter wäre einfach noch zu jung für ein Kind. Aber es war ihre Endscheidung und so wurde 1998 mein 1.Enkel geboren, Fabio. Ich war 34 Jahre alt und fand es voll cool, besonders wenn die Leute mitbekamen das es mein Enkel war. 

Ich selbst wollte ja auch unbedingt noch ein Kind und in der Zeit, in der meine Tochter 2 Kinder bekam (im März 2000 wurde meine Enkeltochter Angelina geboren), hatte ich 4 Fehlgeburten. Als ich mich damit abgefunden hatte, dass ich kein Kind mehr haben kann, wurde ich mit Jamiro schwanger. Es war die schlimmste Schwangerschaft die ich hatte. 28 Wochen ständig Liegen wegen Blutungen, dem Kleinen ging es aber immer gut. In der 31.SSW bekam ich dann eine Infektion, die zum Blasensprung führte, und 5 Tage später war die Geburt nicht mehr aufzuhalten. Jamiro wurde per Notkaiserschnitt in der 32.SSW geboren. Mit einem Frühchen das ist alles nicht so einfach von daher mag ich auch keine Kinder mehr bekommen, sonst hätte ich glatt noch eins irgendwann bekommen.

Und weil ich nie die Schnauze vollkriegen konnte von Kindern, ist mein Beruf auch Heilpädagogische Erzieherin.

Wir, meine Kids und Enkelkids, sind viel zusammen und unternehmen auch sehr viel. Es ist interessant wie wir manchmal begafft werden weil die Leute nicht durchsteigen wie denn unsere Familienverhältnisse sind. Besonders wenn ich Jamiro auf dem Arm habe und mein Enkel Oma ruft.

Es entspricht einfach nicht der Norm, dass eine Oma noch so gut aussieht keine grauen Haare hat und dann selber noch ein Baby hat. Wir sind halt keine "normale" Familie aber ich glaube da wir alle noch so jung sind haben wir es leichter im Leben und auch miteinander.

Angela, 23. August 2001

zurück nach oben


Die Glucke

Als im August 1998 unsere gemeinsame Tochter zur Welt kam, erfüllte sich mein sehnlichster Wunsch im Leben. Voller Stolz und ohne auch nur eine Minute zu zögern begab ich mich in mein Mutterdasein. Mo war Anfangs sehr krank und ich entwickelte (was ich wirklich schon früher hätte tun sollen) einen gesunden Egoismus zugunsten meiner Familie. Gegen alle Unkrufe habe ich meine Tochter den ganzen Tag im Tuch getragen, sie durfte und darf bis heute bei uns schlafen und ich habe angefangen in meinem Leben nicht mehr auf "das was man machen sollte" sondern auf das was mir mein/unser Gefühl sagte, zu hören. Ich verwöhne meine Tochter heute noch mit allem was ich ihr geben kann - denn Gefühle und Liebe können nie zuviel sein. Ich genoss es über Bücher wie "jedes Kind kann schlafen lernen, jedes Kind kann essen lernen etc." zu stehen und hinter meiner Meinung zu stehen - denn ich habe nicht ein oder jedes Kind - ich habe mein Kind und dass lernt was auch immer wann auch immer es will. Ich erkannte, welche wundervolle Aufgabe die Rolle der Mutter war und habe schon früh angefangen auf mein Kind zu hören - dass hat mir in viele Situationen sehr geholfen. Meine Mutter und Hausfrauenrolle erfüllte mich ganz und gar und genoss es! Meine Welt war in Ordnung. Nur die meines Mannes leider nicht so. Also Familie war toll wir waren glücklich - nur Arbeit bzw. die Stimmung und der Ärger an der Arbeitsstätte meines Mannes eskalierte immer mehr. Um es kurz zu machen, 1 Jahr vor Ablauf meines Erziehungsurlaubes tauschten wir und seither betreut mein Mann unsere jetzt 3 jährige Tochter. Der Vorschlag zu tauschen kam schon von mir. Mein Mann musste raus aus der Situation, sonst wären wir alle daran zu Grunde gegangen. Darüber zu reden war leicht - es durchzuziehen verdammt schwer. Nicht für Mo und meinen Mann - für mich. Es gab/gibt nicht einen Tag, an dem ich nicht sofort wieder tauschen würde.

>>>Die Normfrau/Die Karrierefrau<<<<

Selbst die Tatsache, dass es im Job eigentlich ganz gut klappt und ich sicherlich noch einiges erreichen könnte reicht nicht aus, mich hier wieder so richtig einzuleben. Bei Tagesmeetings denke ich nur, dass diese "Probleme" die dort bemeetet werden sich die meisten doch selbst machen und würden sie mal in sich rein hören, wüssten sie dass auch. Ich glaube, mein Mann hat etwas bedenken, dass ich das auch irgendwann mal laut äußere.

>>>Die Rabenmutter<<<

In der nächsten Woche kommt meine Tochter in den Kindergarten und mir fehlt dieses Jahr mit ihr. Es fällt mir so schwer, aus der Ferne loszulassen. Es war für meinen Mann und auch für meine Tochter die absolut richtige Entscheidung - aber mein Gefühl - dass ich mir so mühevoll vorher anerzogen habe - lässt mich einfach nicht zur Ruhe kommen.

Unser Umfeld reagierte gemischt. Mein Mann bekam keine Unterstützung aus seinem "Freundeskreis". "Wie, nur ums Kind kümmern - und dein Firmenwagen - kannst du den behalten?". Die engsten "Freunde", die unsere Situation kannten, versuchten wenigstens etwas Verständnis aufzubringen - dennoch hat bis heute keine "Freundin" mal bei meinem Mann angerufen und mal gefragt, ob sie ggf. mal etwas zusammen unternehmen wollten - Spielplatz, Spaziergang.

Für die Mütter in unserem Spielkreis und alle anderen die wir kannten stand schnell das Urteil der Rabenmutter fest. Erst macht sie so ein Geschiss und dann geht sie wieder arbeiten - auch noch Ganztags. Mein Mann wurde in dem Spielkreis nie akzeptiert und gemieden, so dass er schon nach 3 Monaten das Vorhaben aufgab.

Hier, auf der Arbeit finde ich zum einen viel Verständnis (kommt früh, geht früh hat überall Kinderbilder hängen) und zum anderen aber auch die Meinung "Du wolltest es ja nicht anders". Andererseits habe ich keine Lust, jedem unsere Lebensgeschichte aufs Auge zu drücken.

>>>Die Assis<<<<

Eine Freundin fragt damals ganz entsetzt "und da will Dein Mann einen auf Arbeitslos machen, oder was?" Schock, schwere Not. Ihr seht, nicht nur als Familie mit mehr als 2 Kindern wird man etwas schief angesehen und ich frage mich wirklich woher diese Regelung kommt - Mann arbeit/Frau Kinderbetreuung - obwohl ich damit sehr zufrieden war.

>>>Der programmierte Zusammenbruch<<<

Im Moment leiste ich mehr als ich eigentlich kann - denn ab 5.30 Uhr morgens bin ich bis 16.30 die arbeitswütende Frau, die überall ihre Sinne zusammen haben muss, egal ob Tochter krank oder nicht, ob eine ruhige Nacht gehabt oder nicht. Ab 16.30 Uhr bin ich 10000ige Mutter einer Tochter die mit niemanden diese Zeit, außer ihrem Papa, teilen würde (Mama übrigens auch nicht). So gegen 20.30 Uhr teile ich mich dann auf zwischen mal ins Bad huschen, für meinen Mann da ,sein, den anstehenden Schriftwechsel zu bewältigen (wir bauen gerade - auch das noch) ggf. noch das eine oder andere an der Baustelle bewerkstelligen, Handwerkern hinterher zu fluchen, Pläne für die nächsten Tage zu machen um dann so gegen 22.30 Uhr mit meinem Hund, der dann seine Streicheleinheiten des Tages sich abholt, auf der Couch einzuschlafen. Wenn ich Glück habe, schläft unsere Tochter ohne Probleme durch. Manchmal will sie nur auf die Toi. Manchmal liege ich aber auch wach neben ihr und schaue sie mir einfach nur an um das festzuhalten, was ich tagsüber nicht haben kann.

Dennoch - ich finde es affengeil sich an einen gedeckten Tisch zu setzten und das Bügeleisen habe ich schon seit 1 Jahr nicht mehr angefasst.

Mo`s Mum, 27. August 2001

zurück nach oben


Nicht Normfrau hoch 10

Ich bin 40 Jahre alt und habe drei Kinder, da geht es schon los. Es sind außerdem drei Mädchen, so geht es dann weiter, stellen Sie sich vor, keinen Jungen!!! (Kommentare: "Kann denn bei drei Kindern nicht wenigstens e i n Junge dabei sein?" oder: "Der arme Mann, hat vier Frauen zu Hause..." oder aber: "Der hat es doch gut, der muss verwöhnt werden von vorne bis hinten..." und endlos so weiter).

Es kommt aber noch dicker. Ich habe jeweils die Erziehungsurlaube genommen, aber nie aufgehört zu arbeiten. Ich Rabenmutter habe mir erlaubt vormittags zu arbeiten und abends auch noch Sport zu machen. Dazu muss ich sagen, dass ich ein unheimlich aktiver Mensch bin und am liebsten jeden Tag was anderes machen würde. Mache ich natürlich nicht, aber doch dreimal in der Woche auf jeden Fall.

Gut, kommt die Arbeit also auch noch hinzu. Daneben können, natürlich, wie ich meine, die Fenster nicht jede Woche geputzt werden. Also - da haben wir es. Zur Arbeit und in Sport gehen mit drei Kindern, aber die Fenster nicht immer astrein. Ist doch alles klar - oder???

Trotzdem würde ich nie aufhören zu arbeiten, ich liebe es rauszukommen, zu anderen Menschen als meiner Familie, zu anderen Aufgaben als Fensterputzen und Hausaufgaben kontrollieren. Ich arbeite gerne. Und ich habe alle Angriffe gut überlebt. Außerdem gibt es auch solche, die es durchaus tolerieren wie ich es mache und das sind die echten Lichtblicke, wenn ich solche Menschen treffe.

So, das war es in Kürze.

Zur Info noch: Meine Kinder sind 10, 13 und (fast) 18 Jahre alt, also durchaus in der Lage, zwischendurch eine Stunde ohne Mama zu sein. Nur - wir leben auf dem Land und da ist es sicher doppelt schwierig.

Aber es geht und ich bin zufrieden so, wie ich es mache.

Rosianne 21. Oktober 2001

zurück nach oben


Eine besondere Mutter

Ich bin auch eine Tina und wirklich keine Normfrau. Ich weiß gar nicht, wo ich bei mir anfangen soll?? Mit 16 Jahren hatte ich meinen ersten Freund, der meinte aber mich ständig besch.. zu müssen und nach 9 Monaten (was für das Alter ja unendlich lange ist!) habe ich mit ihm Schluss gemacht. Nach drei Monaten der Trauer lief mir mein zweiter Freund über den Weg und bei dem bin ich kleben geblieben. Mit 21 Jahren haben wir unsere erste gemeinsame Wohnung bezogen, mit 22 Jahren haben wir geheiratet und mit 23 Jahren wurden wir das erstemal Eltern. Unser Sohn musste leider per Kaiserschnitt das Licht der Welt erblicken (Steißlage) und am nächsten Tag erfuhren wir, dass er mit dem Down-Syndrom geboren wurde. Tja, da habe ich das erstemal den Rahmen der Statistik gesprengt, mit 23 Jahren ein Kind mit DS! So wurde ich im Laufe der Zeit eine Expertin was diese Behinderung betrifft und alles andere, was irgendwie damit zusammenhängt, z. B. vorgeburtliche Untersuchungen, Integration und eine Menge Vorurteile.

Eine "außergewöhnliche Belastung" war und ist er nicht für mich, im Gegenteil, er gibt meinem Leben einen Sinn! Die ganzen Normfrauen, die Du so schön beschreibst, werden irgendwann mal auf dem Sterbebett liegen und sich fragen: "Was für ein Sinn hatte mein Leben"?

Ich habe mir schon immer mehrere Kinder gewünscht, vielleicht weil ich Einzelkind bin? Auf jeden Fall war mein Schatz zwei Jahre alt, da wurde ich wieder schwanger. Ich hatte nie (ganz ehrlich) nie Angst vor dem DS, man hat nur Angst vor etwas, dass man nicht kennt, oder? Allerdings bekam ich wieder einen ganz schönen Schock, da im Ultraschall zwei Köpfe zu sehen waren! Ich hatte sofort Angst vor dem, was da auf uns zukam: Komplikationen in der Schwangerschaft, evtl. Frühgeburt oder sogar Fehlgeburt, größere Wohnung, größeres Auto, Windeln mal drei...

Bis zur 25. SSW habe ich es irgendwie so hingekriegt mit Haushalt und meinem "Grossen". Dann aber bin ich mit Blaulicht in die Klinik gekommen, vorzeitige Wehen, Verdacht auf das - jetzt kommt´s - "Feto-fetale-Transfusions-Syndrom". Wieder laut Statistik sehr selten! Das bedeutet grob, dass der eine Zwilling unter- und der andere überversorgt wird. Der Überversorgte produziert zuviel Fruchtwasser und das würde die Wehen auslösen. Ich hatte echt ungelogen einen Vierlings-Bauch und war froh, in fachmännischen Händen zu sein. Ich lag dann 6 Wochen stationär und in der 32. SSW ging nichts mehr und die Zwillinge wurden geboren. Natürlich auch wieder per Kaiserschnitt, so ein Sch...! Danach war für uns 2 Monate lang Kinderklinik angesagt und ich war echt froh, über die Hilfe meiner Eltern, die unseren Grossen versorgten.

Danach war mein Leben nie wieder so unbeschwert wie vorher. Bei einem der Zwillinge wurde eine Spastik der Beine aufgrund von Sauerstoffmangel nach der Geburt diagnostiziert. Das bedeutete für uns damit klarzukommen, zwei behinderte Kinder zu haben. Und natürlich Therapien, Arzttermine, Förderungen usw. Trotz allem bin ich unendlich dankbar, dass wir unsere Kinder bei uns haben dürfen. Die schwachen Momente bei mir werden immer weniger und für solche Fälle gibt es ja auch das Internet, wo man immer nette Seiten findet, mit Frauen, die auch alle ihr eigenes Schicksal haben und es meistern.

Nun bin ich ja noch jung, und werde oft darauf angesprochen, ob wir denn jetzt "fertig" wären? Gemeint ist natürlich unsere "Kinderschar".  Ich weiß nie so genau, was ich darauf antworten soll, ich kann ja nicht in die Zukunft schauen. Nach all dem Erlebten schreit es laut in mir: "Nein, ich werde das Schicksal kein drittes Mal herausfordern!" Andererseits kann ich den Wunsch einmal "ein normales Wochenbett" nur schwer unterdrücken. Warum können Bauch und Kopf nicht mal zusammenarbeiten ??

noch eine Tina, 7. November 2001  

zurück nach oben


Das falsche Geschlecht

Es ist ein wunderschöner Wintertag, und ich möchte euch heute von mir erzählen. Ich bin 36 Jahre jung und werde gerade zum 2. Mal Mutter. Meine Tochter habe ich mit 25 Jahren zur Welt gebracht.

Mit 18 Jahren entschied ich mich, Bulimiekerin zu werden. Ja, das geht wirklich! Frau kann sich dazu entschließen: ab heute stecke ich nach jeder Mahlzeit den Finger in den Hals und kotze alles wieder raus. Nach einigen seltsamen Jahren meines Lebens (ich unterschied bei der Nahrungsaufnahme zwischen: "speibt sich angenehm" und "speibt sich so grauslich) wollte ich magersüchtig werden. Also setzte ich mich zuerst auf eine 800 Kalorien Diät, und später reduzierte ich auf 300 Kalorien täglich. Der Erfolg konnte sich sehen lassen: ich wog bei 174 cm bald nur noch 43 kg, konnte keine 100 m weit gehen und bekam auch keine Menstruation mehr. Angenehmer Nebeneffekt, ich konnte nicht schwanger werden.

Mit Männern war das so eine Sache. Meine Mutter hat mir eines im Leben mitgegeben: Bei jedem Mann frag zuerst: Was hat er? Was ist er? Was kann er?

Regelrecht normal war der Ausspruch, dass ich "da unten" stinke. Ach ja, und ich war jemand, dem heulen gut tat. Sagt meine Mutter.

Schon immer kann ich mich daran erinnern, dass meine Mutter im Gespräch mit mir und all den anderen betonte: eigentlich sollte sie ein Michael werden. Ich wuchs also auf in dem Gedanken: ich sollte ein Michael werden. Blöd nur, ich war eine Eva. Also versuchte Eva Michael zu sein. Und zu entsprechen. Sexuelle Freude? Mitnichten. Ich stank ja. Da half kein Schrubben und kein Waschen, kein Intimdeo und selbst das alkoholische Parfum, das ich mir in meiner Verzweiflung zwischen die Beine sprühte (und dass dann höllisch brannte) konnte den Umstand nicht ändern: ich stank.

Dann wurde ich schwanger. Ich nahm in kürzester Zeit Unmengen an Kilos zu und gebar eine Tochter. Ich wünschte mir eine Tochter wie nichts anderes auf der Welt, und mir wurde mein Wunsch erfüllt. Ich ging in eine Therapie und erfuhr so einiges über mich und darüber, was "normal" ist. Und ich begann, mich in der Familie umzuhören: Meine Tante freute sich, als ich als Mäderl kam. Ihre Schwester/meine Mutter hat seither kaum mehr mit ihr gesprochen. Meine Oma/Mutters Schwiegermutter freute sich über das Mäderl, denn das kann man so schön anziehen. Meine Mutter brach den Kontakt ab. Sie soll mich angeblich so richtig abgelehnt haben im Spital.

Heute weiß ich, was mir widerfahren ist. Als meine Tochter begann, sich genüsslich zu streicheln, lächelte ich.

Ich sage nie, dass sie "da unten" stinkt, denn wir stinken nicht.

Ich habe begonnen, meinen Geruch zu mögen, aber erst, als mein Mann nicht locker ließ, mich davon zu überzeugen, wie sehr er meinen Geruch mag.

Ich behaupte heute endlich, eine normale Frau zu sein, denn ich darf sein, wie ich bin. Ja, vielleicht habe ich 5 Kilos zu viel, mein Busen beginnt zu hängen und auch meine Haare werden grau. Aber das alles ist normal!

Ich freue mich auf das Leben, das in mir wächst, und tief drinnen weiß ich, es wird ein Junge. Und auch das freut mich, denn nun endlich kann ich auch einen Jungen annehmen.

Mit meiner Mutter habe ich öfters versucht, darüber zu sprechen. Es ist sinnlos, denn sie will es nicht verstehen. Ich habe mich dazu entschlossen, ihr ihre Lügenwelt zu lassen, denn sie würde noch mehr trinken, wenn sie die Wahrheit erführe.

Frauen und Mütter, seid achtsam bei der Erziehung eurer Töchter! Wir können die Gesellschaft verändern für eine Welt voller normaler Frauen!

Eva, 18. Januar 2001

zurück nach oben


Ich wusste es schon immer

ICH BIN EINE VERSAGERIN !!!!! Jawohl, ein Totalausfall als Frau, Mutter und nützliches Mitglied der Gesellschaft.

Geboren bin ich 1965 in Regensburg. Mein Vater war bei der großen Bank mit dem kleinen Elektroladen beschäftigt, was zur Folge hatte, dass wir öfter mal umgezogen sind. Meine Schwestern wurden 1967 und 1971 in München geboren, eingeschult wurde ich 1971 in Hamburg. Nach vier Jahren kam ich auf das Gymnasium (ein katholisches Mädchengymnasium, und ich fand es toll da, wirklich, denn auf einer gemischten Schule wäre meine Begeisterung für Computer sicher bald von den Experten-Jungs unterdrückt worden). Nach der 10. Klasse war ich ein Jahr in den USA auf einer High School, ansonsten habe ich aber kein Jahr verloren und habe ein mittelmäßiges Abi hingelegt. Da ich mich für kein Studium entscheiden konnte, habe ich eine Lehre als Industriekauffrau in Berlin gemacht (mein Vater war inzwischen nach Berlin gewechselt). Eigentlich wollte ich danach studieren. Aber dann wurde mir ein Auslandseinsatz in Singapur – meiner absoluten Traumstadt – angeboten, und ich blieb bei der Firma.

Schon damals reiste ich viel und gerne, am liebsten nach Südostasien. Ich habe zwei Autorallyes mitgemacht, eine durch Malaysia und eine durch Thailand. Aber am liebsten bin ich mit Rucksack und ein bis drei Freundinnen aber ohne Plan durch Thailand, Indonesien, Malaysia, Borneo und Indien getrampt. Deswegen waren die knapp zwei Jahre in Singapur ein wirklicher Glücksgriff für mich.

Nach dem Auslandseinsatz arbeitete ich mich weiter hoch. Nebenbei probierte ich Männer verschiedener Nationalitäten aus (in Berlin sind so wenig Deutsche zu finden *grins*).

Irgendwann geriet ich an einen Mann, der mehr war als nur ein netter Begleiter durch den Abend. Kurz: Ich habe mich verliebt, ernsthaft. Dass er Schwarz und Nigerianer war, war für mich ohne Konsequenz. Als wir uns gerade mal 6 Monate kannten, bekam ich ein Jobangebot nach München. Also beschlossen wir, dass wir heiraten und er mitgeht. Meine Eltern waren entsetzt. Nicht, weil er schwarz war, sondern weil wir uns erst 6 Monate kannten. Ich kann das heute schon verstehen, aber geheiratet haben wir trotzdem, in einer dramatischen Aktion in Lagos, Nigeria.

Meinen neuen Traumjob trat ich am 4.10.1995 an. Am 3.10.1995 hatte ich einen positiven Schwangerschaftstest in den Händen und heulte wie ein Schlosshund. Für mich war klar, dass ich dieses Kind nie und nimmer bekommen könnte. Aber der Mann meines Lebens hat mich in den Arm genommen und gesagt: „Kein Problem, ich habe ja sowieso keinen Job mehr (er hatte seinen Aushilfsjob in Berlin für unseren Umzug geschmissen). Ich bleibe zu Hause.“ Also habe ich die Schwangerschaft durch gearbeitet wie ein Pferd. Ich bin quer durch Deutschland gefahren, ich habe mit kettenrauchenden Programmierern, 5 Computern und 10 Druckern bis nachts um 10:00 Uhr in winzigen Zimmern verbracht, ich bin unter Tischen herumgeklettert, um Computer zu verkabeln, ich habe am Wochenende Programme debugged, damit die Anwender am Montag wieder arbeiten konnten. Ich habe es gerne gemacht. Mein Job brachte mir Spaß. Eine Woche vor dem Termin bin ich dann doch zu Hause geblieben, damit wir noch das eine oder andere einkaufen konnten. Fumi ließ sich dann noch eine knappe Woche Zeit, so dass sogar ihr Bett schon aufgebaut war, als sie dann am 9.6.96 das Licht der Welt erblickte.

Ich arbeitete weiter Vollzeit und reiste durch die Weltgeschichte (dienstlich, versteht sich!). Nebenbei habe ich lange Zeit noch gestillt. Mein Mann ging tagsüber mit Fumi auf den Spielplatz, arbeitete abends in einer Putzkolonne, und machte Deutschkurse an der Volkshochschule.

Als Fumi 15 Monate alt war hatten wir endlich einen Krippenplatz. Mein Mann nahm einen Ganztags-Putzjob an und holte Fumi jeden Tag von der Krippe ab. Ich brachte sie morgens hin, ansonsten änderte sich nichts.

Mein Mann arbeitete sich vom Kloputzer über Staplerfahrer zum Lagerleiter in einem Krankenhaus hoch. Aber richtig zufrieden war er nicht. Schließlich hatte er mal Journalismus studiert und in einer Werbeagentur gearbeitet. Nach fünf Jahren warf er alles hin und fing eine Umschulung an. Aber kurz vorher kam am 19.2.2001 noch unser zweites Kind zur Welt – ein Junge und ein geplantes Wunschkind. Wenigstens hier hatten wir unser Soll erfüllt. Zwei Kinder, ein Pärchen, auch wenn der Altersabstand mit knapp fünf Jahren eher nicht normgerecht ist.

Für Temi blieb ich dann 6 Monate zu Hause, damit mein Mann die Umschulung machen konnte. Aber nach 6 Monaten war ich reif für die Klapsmühle und todfroh, wieder arbeiten gehen zu dürfen. Vollzeit natürlich. Beinahe wäre es am fehlenden Krippenplatz gescheitert.

Fertig sind wir mit unserem Leben noch lange nicht. Die Umschulung meines Mannes ist fast zuende und er sucht jetzt einen Job. Ich auch, weil ich von meinem derzeitigen die Nase voll habe. Wir überlegen, noch mal ins Ausland zu ziehen. Fumi und Temi wachsen zweisprachig (Deutsch/Englisch) auf, insofern wäre es kein Problem. Zwei Pässe haben sie sowieso (soviel zur Doppelpassdebatte). 

Elisabeth, 24. Januar 2002

zurück nach oben


Die Kurve gekriegt

Anfangen muss ich bei meiner Mutter, ihre Eltern starben als sie ein Säugling war, weil sie vergessen hatten den Gasofen auszuschalten während des Mittagsschlafes. Nur meine Mutter, Eva, wurde gerettet. Sie kam zu Pflegeeltern. Bekam das erste uneheliche Kind, meinen Bruder Alexander. Sie wurde krank und er wuchs bei ihren Eltern auf. Sie kam von München nach
Duisburg, lernte meinen Vater kennen und bekam mich, obwohl es gesundheitlich nicht gut aussah. Schon vor der Geburt bekam ich meinen ersten Freund, den Boxer (Hund :)) Amigo. Ich würde mein Leben als normal bezeichnen, bis dahin. Obwohl ich es mittlerweile besser weiß. Ich nahm erst an, mein Leben wäre eine Katastrophe als wir umzogen. Neue Wohnung, neue Freunde, neue Schule (3. Klasse), neuer Job für meinen Vater. Ich habe meinen Vater damals gehasst, weil man mir sagte, hätte er nicht den neuen Job, hätte er mich zu meiner alten Schule fahren können.

Mit 12 haben sich meine Eltern getrennt. Ich sagte noch im Scherz zu meiner Mutter als wir meinen Vater von der Kur abholten, "Vielleicht hat er ne Freundin, weil er doch nicht ans Telefon geht...." Kurz, ich hatte recht. Ich war immer ein "MamaKind". Mein Vater hatte nie Zeit für mich. Unter der Woche mussten sich meine Eltern streiten und am Wochenende, musste mein Vater erst mal im Bett Zeitung lesen, dann Joggen gehen und abends war sowieso Sportschau. So vermisste ich ihn auch nicht. Dafür lernte ich den Briefträger, den Elektriker und das Bier kennen. Nein, nicht ich, nicht mit 12. Aber meine Mutter stellte gewisse Herren mir so vor. Und trank immer mehr.

Ich hatte mittlerweile eine Schwester. Ein Pflegekind vom Jugendamt. Sandra. Meine Mutter soff und .... Und ich kümmerte mich um das Kleinkind. Dann blieb einer der Kerle länger, bekam einen Namen, Uli, und meine Mutter wurde schwanger. Mit Drillingen. Herzlichen Glückwunsch. Ich bin kein Unmensch aber ich sage dennoch "Gott sei Dank", war eine Höhle im Bauch leer und das andere starb noch in den ersten Wochen. Also kam nur ein Kind auf die Welt, mein Bruder Christian.
 

Wir zogen um, aber weil Uli und meine Mutter immer mehr tranken, wahr bald kein Geld mehr da. Da hatte meine Mutter die tolle Idee eine Kneipe aufzumachen. Nun, bald darauf schmiss sie Uli raus, soff umso mehr, weil in der Kneipe war ja genug da. Natürlich lief die Kneipe schlecht. Mit 11 war ich noch auf die Schule meines Vater gekommen, was ich hasste, nun wurde ich auf einer neuen angemeldet. Nun ich war nie da. Zu dem Zeitpunkt kümmerte ich mich um meine Schwester und dass sie in den Kindergarten kam und abgeholt wurde und so weiter. Beim Babybruder hatte allerdings einen richtigen Babysitter, die
nahm ihn morgens mit und abends wieder her. Aber mit Sandra verstand ich mich gut, sie nannte mich mittlerweile auch Mama. Ich war zu dem Zeitpunkt ein halbes Jahr nicht in der Schule, aber darum kümmerte sich niemand. Man bedenke, dass regelmäßig das Jugendamt kam um uns zu kontrollieren, weil wir ja das Pflegekind hatten.
Folgendes erzählte mir eine Klassenkammeradin später über meinen Deutschlehrer: "Sie sollte sich einen Stempel anschaffen, Meier fehlt". Glaubst ein Lehrer hätte irgendwo angerufen weil ich Monate über nicht da war? Das fiel niemandem auf.


Und als alles am Ende war, Kneipe und so, bat meine Mutter mich, Sandra zu ihrer Oma zu bringen. Das war normal, tat ich schon oft. Man erzählte mir, zu Besuch, für ein Wochenende. Dann bis Dienstag, Freitag, 2 Wochen. Dann für immer. Meine Mutter log mich an und behauptete das Jugendamt hätte uns Sandra weggenommen, aber SIE hatte das Jugendamt darum gebeten. Aber das erfuhr ich erst später. Kneipe wurde dichtgemacht und wir zogen wieder um. Da war ich 13. Ich weiß nur, irgendwann kam sie in mein Zimmer und war besoffen und wollte mich schlagen und ich rannte weg. Mich hielt ja nichts mehr. Sandra war weg, brauchte mich nicht mehr und mit Christian hatte ich ja nie was zu tun. Also rannte ich weg. Bin mit der Bahn gefahren, zu meinem Onkel. Hab ihm nichts erzählt, nur Smalltalk. Abends musste ich mir dann wohl überlegen, wie es
weiter geht. Ich habe nicht geplant, nie mehr nach Hause zu gehen. Schließlich, Haue gab`s immer wieder.

Dann kam ich beim Haus meines Babysitters vorbei, Diana, die wir Dorle nannten. Sie wohnte immer noch dort und sah gerade aus dem Fenster und erkannte mich. Sie merkte gleich, dass was nicht stimmte und schließlich schüttete ich ihr mein Herz aus. Nun sie kannte meine Mutter, lieb und nett und immer gut frisiert. Meine Mutter, das Chamäleon. Dorle rief meine Mutter an, sprach lange mit ihr, und gab mir schließlich den Hörer und sagte es sei alles gut und so, ich solle mal mit ihr reden. Nun glücklicherweise ist Dorle unheimlich neugierig gewesen und die moderne Technik schon so weit das es Lautsprecher gab, im Telefon. "Komm nach Hause und ich hau dich kaputt, brüllte meine Mutter in den Apparat als ich dran war und noch einiges mehr. Dorle war zutiefst erschrocken, das sah ich ihr an. Die liebe Eva, so kannte sie sie nicht. Sie nahm den Telefonhörer und wartete ab und sagte schließlich, sie sei selbst wieder dran und meine Mutter verwandelte sich zurück, "Ach, das war ja alles nicht so gemeint..." Aber Dorle glaubte ihr nicht. Mutter drohte mit Polizei und sie würde jetzt kommen und mit abholen. Sie stand dann vor der Tür und brüllte die ganze Strasse zusammen und Dorle rief selber die Polizei. Und die sagte dann ich dürfte eine Nacht bei Dorle bleiben oder ins Heim. Dorle sagte mir noch das Heim wäre nicht so schlimm, sie war ja auch dort gewesen.


Ich blieb bei ihr diese Nacht und dann noch 3 Wochen länger. Wir gingen zum Jugendamt und Dorle hatte die Idee mich als Pflegekind zu behalten. Das Jugendamt entschied aber sie sei dafür noch zu jung ich bräuchte mehr einen Mutterersatz als eine Freundin. So kam ich zur Oma Wenzel. Die war Dorles Pflegemutter gewesen, als sie Kind war. Hatte ein großes Haus mit vielen kleinen Zimmern und nahm immer mal wieder Jugendliche auf, als Pflegemutter. Hatte vor Jahren 4 Kinder aufgenommen, Dorle und ihre Schwester Andrea und Manuela und Andreas. Die waren nun schon groß geworden. Nur Andreas lebte noch dort. Neu hinzugekommen waren Bahtiyar und Habibe, zwei türkische Schwestern mit denen ich mich anfreundete. Später kamen noch Waltraut und Elke hinzu. Wir waren alle so zwischen 14 und 17, nur Andreas war schon über 20, der gehörte ja auch einer Generation davor an. Was war das für eine Umstellung. Eine kleine Schule, hatte ich mir gewünscht. Und bekommen. Taschengeld, Kleidergeld. Keine Pommesbudenfraß mehr. Obwohl ich damals nicht wusste das ich immer viel Verantwortung trug, war es wahnsinnig schön sie los zu sein. Ich wurde sogar richtig gut in der Schule. Und ich hatte keine Angst mehr.

Ist nicht alles eitel Sonnenschein. Meinen kleinen Bruder holte ich noch weg von meiner Mutter. Er kam als Pflegekind zu der leiblichen Tochter von Oma Wenzel, die nebenan wohnte. Oma versuchte auch meine Schwester zu bekommen im Jahr darauf, aber das wollte ich nicht und vereitelte das. Ich blieb 2 Jahre dort, dann verquatschte mich meine Mutter, sie hätte das
trinken sein gelassen, hätte EINEN festen Freund und überhaupt.... Ich stritt mit Oma und ging zu meiner Mutter. Für zwei Monate. Es fing wieder an, keine Schule, Alkohol, Männer, die ganzen Nuttenfreundinnen von ihr, ihr Job. Das Angebot von Drogen oder "Wie du rauchst immer noch nicht?" Eines Abends kam ich dahin, sie stockbesoffen, ich machte ihr Vorwürfe und schmiss wie immer die Flaschen durch das Fenster nach draußen, sah ich ein, dass alles falsch war. Ich ging zu Bahtiyar und Habibes Schwester die gleich um die Ecke wohnte, denn es war Nacht, dunkel und eine ziemlich verruchte Gegend. Da blieb ich 2 Tage, dann warf sie mich raus. Womöglich lag`s an ihrem strengen türkischen Mann, aber sie sagte ziemlich gemeine Sachen zu mir. Jedenfalls solle ich zurück gehen.

Bin dann wieder zu meinem Onkel. Der fragte ob ich nicht zurück zu Oma Wenzel könnte, aber das wollte ich ja gar nicht. Nun sagte er, dann muss sich dein Vater um Dich kümmern. Er rief seinen Bruder, meinen Vater an und der kam aus seiner Freitag-bin-ich-immer-da Kneipe und wollte auch noch am nächsten Tag auf Kegeltour mit seiner Freundin fahren. das passte ihm alles nicht. Ein Teenager in der Wohnung seiner Freundin? Kurz gesagt, ich wurde abgeschoben. In sein Zimmer einer Block-WG. Das heißt, Postadresse. Da er nicht arbeitete, aber Arbeitslosengeld kassierte und Ulrike seine Freundin gut verdiente, durfte er nicht mit ihr zusammen wohnen. Eheähnliches Verhältnis, nennt man das. Jedenfalls wurde ich in dieses Zimmer gesteckt. Man stelle sich einen Schuppen vor. 20 mal 10 Meter lang. Vorne links 2 Klos und eine Dusche, rechts eine winzige Küche mit Herd und Kühlschrank. In der Mitte, ein langer Gang, rechts und links je 4 Zimmer. Mit bepissten Wänden,
Dreck und ach es war das allerletzte. Mit Truckfahren, Straftätern, Verflossenen, Alkoholikern. Und mit mir.

Ich war das 15, hatte das Zimmer, einen Kassettenrecorder, ein Bett, einen Schrank, ein Waschbecken im Zimmer, ein Regal mit Karl May Büchern, damit es bewohnt aussah. Kein Fernsehen, Telefon oder Schnickschnack. Und ich war allein.

Es war herrlich. In die Schule ging ich auch wieder, natürlich durfte ich das niemanden sagen. Manche wussten es trotzdem, vor allem da meine Klassenlehrerin direkt eine Strasse weiter als mein Vater wohnte und wir uns nie auf dem Schulweg sahen, hehe. Aber da ich in die Schule kam und vielleicht auch recht nett war, hat sich niemand beschwert. Beate war in dieser Zeit meine beste Freundin. Bald gingen wir zusammen in die Disco, immer in die selbe und bald darauf war sie immer bei mir. Und wir waren allein, kochten und hörten Musik. Tranken Alkohol, feierten bis in die Puppen... Ihre Mutter verbot den Umgang mit mir, aber das hinderte uns nicht. Sie erfand eine Freundin und war bei mir. 2 Jahre lang, fast jeden Tag. Wir hatten es richtig schön. Zu unserer Clique gehörten auch Claudia und Elke (meine Pflegschwester von der Oma oben). War schon eine Prima Zeit. Elke hat mir später Beate weggenommen. Dafür hasse ich sie noch heute.

Mit 17 lernte ich meinen Mann kennen. Für mich war es ein Abenteuer, für ihn ernst. Er war 21. Ach, das war richtig viel Heckmeck, hin und her. Wie wahrscheinlich in jeder jungen Liebe. Wir haben uns auch ziemlich abgekapselt. Waren am Anfang noch Party und Disco wichtig, wollten wir später nur noch allein sein. Ich wollte das er seine Interessen behält und
auch mal was ohne mich macht. Computerspielen. Und ich fand das toll. Ich liebe Computer, beschäftigte mich mich DOS, und konnte jedes Spiel hexen und hacken und lösen und überhaupt. Ständig riefen Leute bei uns an, Naho ihr müsst was für uns tun. Computer zusammenbauen, reparieren, Spiele installieren, Tips und Tricks geben, Cheaten.

Ein Jahr später haben wir geheiratet. 8 Wochen danach wurde ich schwanger, schon ein halbes Jahr ohne Pille, doch mein Mann wünschte sich das Kind, nach der Hochzeit. Und so war es dann auch. Ich wünschte mir, außer Gesundheit und so... dass im Kreissaal niemand ruft, "Es ist ein....." Und ich wünschte mir ein Mädchen. Tatsächlich ging alles schief im Kreissaal, aber niemand rief und ich bekam ein Mädchen, wie ich nach 10Minuten schmusen, selber feststellen durfte. Dass die erste Geburt sche... ist, brauch ich nicht zu sagen oder? Ich wurde danach ziemlich bedrängt, wann kommt das zweite? Ich wollte zwar
ein zweites, aber erst in 10 Jahren. Mein Sohn wollte aber so lange nicht warten und wurde genau als meine Tochter 1 Jahr 6 Monate und 2 Tage alt war, bei einer wunderschönen Geburt geboren. Was ich wirklich hasste war, dass in meinem Mutterpass ein Kreuzchen anzeigte ich hätte eine "rasche Schwangerschaftsfolge innerhalb eines Jahres". Gemein war das. Vor allem mein Frauenarzt war es der mich so drängelte. Ich denke mein Sohn war unerwartet. Klingt besser als ungewollt oder ungeplant. Nach der superschönen und leichten Geburt und der schönen harmonischen Stimmung mit Kleinkind und Säugling, traf ich zur Nachuntersuchung bei meinen Frauenarzt ein. Alles war so toll, ich hätte sofort noch ein Kind kriegen können und ich erwartete das mein Frauenarzt sich GENAUSO verhielt wie nach der Geburt des 1ten Kindes. Aber nicht doch, ich bekam sehr viele Heftchen über Verhütung und ein extra langes Gespräch über die Superspirale die 5Jahre hält und Hormone abgibt, ein Wunderwerk, versicherte mir der Herr Doktor. Ebenso seine Frau. Ich verstand es einfach nicht, 2 Kinder sollte ich möglichst schnell kriegen und ein 3 drittes nie? Ich konnte mich damit nicht abfinden, und nahm mir die
Zeit zum nachdenken. Erst ein Jahr später entschied ich mich für die Spirale. Weil 2 Kleinkinder unter 3 halt anstrengend sind. Ich bereue das nicht.

Bereuen tu ich fast gar nicht in meinem Leben, ich werd noch öfter erwähnen, wahrscheinlich.

Aber wenn die 5 Jahre der Spirale vorbei sind, bin ich 27. Da fangen die meisten doch erst an Kinder zu bekommen. Meine Schwiegereltern sind schon paar Jährchen älter. Vater ist schon 79. Hatte letztes Jahr die Idee, dass wir uns ein Haus kaufen. Von welchem Geld denn bitte? Ja, er würde einen Vorschuss aufs Erbe machen. Da das steuerlich auch besser ist, ok. Infos eingeholt, ja ein Haus wär noch frei. Ein Bauabschnitt war schon fertig, wie Puppenhäuser, oder Centerparks Vorzeige
Häuser, oder Urlaub sahen sie aus. Herrlich. "Unser Haus" lag in der hintersten Reihe, also von der Strasse weg. Wir hatten nur einen halben Tag Zeit mit der Bank zu reden und die Finanzierung aufzustellen und zuzusagen. Sonst wär es weg gewesen. Aber es klappte. Ich glaubs gar nicht richtig, obwohl ich hier schon seit 7Monaten wohne.


Natürlich gab richtig Ärger mit der alten Dachgeschosswohnung, mit der Kaution und die nette alte Dame von Vermieterin verwandelte sich in einen Drachen. Und nahm uns aus wie ne Weihnachtsgans. Weil innerhalb der 6Jahre, die wir dort wohnten, Gesetze geändert wurden. Wir haben die ersten Monate sogar ohne Ofen, ohne Küche gelebt. Nur mit Mikrowelle. Dann habe ich was ausgeklüngelt, mit meinem Vater der ja mal Banker war. Durch Umschichtung der Kredite konnten wir uns eine Nachfinanzierung leisten und eine Küche kaufen, den Garten machen lassen und so weiter. Wir sind 14 Häuser hier. Beschrieben habe ich`s ja schon, Urlaubshäuschen. Einmal musste ich mir anhören das es Billighäuser wären, da kein Keller
sondern nur ein Abstellraum im Dach existiert. Muss man sich schon ein dickes Fell wachsen lassen. Ich bin ein ruhiger und schüchterner Typ und ich rede nicht gern über überflüssige Sachen, ich dränge mich niemandem auf und versuche niemandem auf die Nerven zu gehen. Ich bin außerdem die jüngste hier, die einzige Hausfrau die nie einen Beruf erlernt hat und deshalb auch nicht in ihn zurückkehren kann. Ich trinke keinen Kaffee, höre viel und laut Musik, habe keinen Grill und keine Ahnung von Blumen. Ich habe das Gefühl das alle meine Nachbarn das schon mal gemacht haben, Haus bauen, garten bepflanzen. Habe das Gefühl alle kriegen das besser hin als ich. Es ist so faszinierend wie perfekt alles um mich herum läuft.

Ich habe das Gefühl ich sprenge die Norm gewaltig. Bin die jüngste mit den ältesten Kindern.
Habe das Gefühl alle sind gleich. Gleiche Kinder, gleiches Alter, gleicher Kiga, alle kennen sich. Nur ich nicht. Und das was alle ärgert, ich will auch nicht.

Ich fühle mich wohl anderes zu sein, genieße es. Ich mag einfach nicht über nur Kinder-Krankeiten-Im-Moment-ist-wieder-ein-Virus-unterwegs-Gespräche führen. Ich bin in erster Linie ein Mensch und ich rede gern über Politik, Geschichte, Musik und Kunst. Nicht über ANDERE Mütter, Lästern liegt mir nicht. Ich bin nur in zweiter Linie Mutter. Ich bin tolerant. Ich sitze
lieber am Computer als im Garten, aber das heißt nicht das ich das IMMER tue. Ich bin gerne anders. Als ich hier einzog hatte ich pechschwarze Haare, hochtoupiert und Haarspray-glänzend. Winterfrisur. Im Moment habe ich Knallrote Haare in ganz kurz.

Ich halte Mütter, diese Normmütter, ganz klar aus meinem Leben raus. Meine beste Freundin hat zum Beispiel überhaupt keine Kinder. Dafür aber 2 Pferde.

Als ich mich mal bei meinem Vater beschwerte, über eine Bemerkung dieser Normmütter, ich hätte ja keinen Beruf, sagte mein Vater etwas sehr nettes: "Es gibt auch Berufung."

Leider stehe ich meistens ganz allein da. Meiner Meinung sind nicht viele. Fighte oft mit meiner Schwiegermutter, für die bin ich Aschenputtel, das Ihren Prinzen geheiratet hat, wegen Geld versteht sich.

Was geht es irgendwen an wie meine Wohnung aussieht? Im Moment hallt es in manchen Räumen sogar, kein Wunder wenn man von 65qm auf mehr als das doppelte wechselt. Ich mache kein Geheimnis daraus das wir kein Geld haben und wir seit 3 Jahren nicht im Urlaub waren.

Das nervt mich. Und wenn es ganz dicke kommt, sage ich mir: "Ich muss erstmal so alt werden wie meine Nachbarn (KigaMütter ect.), in 10 Jahren sieht alles anders aus."

Übrigens passe ich auch nicht in die andere Norm der außergewöhnlichen Anderen. Ich lernte mal eine Frau, ein Mädchen kennen, die bekam ihr erstes Kind mit 15. Für die war ich einfach zu alt.

Natalie 22. Juli 2002

zurück nach oben

 


Die Hexe

Der Mond scheint durch mein Fenster – es ist wieder Zeit. Ich lösche das Licht, entzünde die Kerzen an meinem Altar und entfache eine Räucherung.

Der Schein der Kerze flackert und fällt auf das Gesicht der Statue auf dem Altar. Der großen Mondgöttin.

Seit einigen Jahren gehe ich nun den Weg der weisen Frau, der Heilerin, der Seherin. Und ich habe es nicht bereut. Was wie ein Märchen klingt, ist Realität – ich bin eine waschechte Hexe.

Dabei bin ich weder weltfremd noch spleenig. Ich habe einen festen Beruf in einer leitenden Position und am Wochenende mache ich ein berufsbegleitendes Studium.

Viel Zeit bleibt da wahrlich nicht, aber die Zeit, die ich erübrigen kann, widme ich der Magie und der Hexerei.

Angefangen hat es mit meinem Interesse an Geschichte. Dazu muss ich sagen, war ich eine sehr gläubige Christin und auch dementsprechend erzogen.

Wenn man es genau nimmt, war ich mit der christlichen Ideologie verwachsen, die mir von meinem Elternhaus anerzogen wurde. Ich war nicht im Mindesten stolz darauf eine Frau zu sein. Ich hasste meinen Körper, die Tage der Menstruation, ich hatte keine Sexualität, denn all das fand die christliche Kirche als unrein und so oder so sündig. Vor allem wenn es um uns Frauen geht.

Wie dem auch sei – aus den Geschichten der Völker habe ich eines herausgelesen: die Urvölker glaubten an die große Göttin, der Mutter Erde, der Mutter Natur, die Mondgöttin. Ihre Lehren waren einfach: ehre die Natur, schütze das Land und lebe mit ihr in Harmonie.

Dabei nahmen die literarischen Quellen immer Bezug auf das traditionelle Hexentum. Ich befasste mich näher damit und fand heraus, das dies genau das war, was ich immer gesucht hatte.

Von da an wandelte sich meine Lebensanschauung wie auf einen Schlag. Ich studierte diverse Bücher und fand heraus, dass es wohl noch Frauen gibt, die mit der großen Göttin lebten – das traditionelle Hexentum war nicht ausgestorben. Im Gegenteil.

Ich lernte, dass ich stolz auf mich sein konnte, auf mich als Frau und erfuhr von den weiblichen Mysterien, dem weibliche Zyklus in Verbindung mit dem Mond.

Und so verließ ich ohne Reue das Christentum, um mich der großen Göttin zuzuwenden und das Hexentum zu erlernen.

Ich schmökerte in zahlreichen Büchern, wurstelte mich durch verzwickte Literatur, sprach mit anderen Hexen und so lernte ich weiter und weiter. Es hat ganze 3 Jahre gedauert, um mir ein umfassendes Wissen anzueignen.

Karten legen, Kräuterkunde, Pendeln, magische Rituale, Zauber – dies alles und noch mehr gehört dazu. Natürlich höre ich nie auf zu lernen, es gibt immer wieder Neues zu entdecken und Magie an sich ist eine wunderbare Sache. Viele Leute wenden sich an mich, um Rat, Trost oder Heilung zu finden, oder um einfach Fragen zu stellen.

Natürlich ist das nicht jedermann offen für Hexen. Vor allem bei meinen Eltern bin ich in tiefe Ungnade über meinen religiösen und weltanschaulichen Wechsel gefallen. Menschen, die mit dem Wort Hexe gleich eine bucklige, kreischende Vettel verbinden, sind anfangs sehr skeptisch. Manche sind interessiert und wollen Näheres erfahren. Andere wiederum meiden mich und erzählen Schauergeschichten über mich hinter meinem Rücken (diese Geschichten sind wirklich zum Totlachen).

Ich suche bei den Leuten nicht um Verständnis. Genauso gehe ich nicht mit meinem Wissen hausieren. Wer mich sucht, wird mich auch finden – oder ich ihn. Das war bis jetzt immer so und ich bin sehr stolz darauf.

In den letzten Jahren habe ich liebe Freunde gewonnen. Hexen und auch Nicht-Hexen. Wir tauschen uns aus, feiern die Hexen-Feiertage miteinander und besuchen uns regelmäßig.

Das macht das Hexenleben doppelt lebenswert.

Der Mond zieht durch den nächtlichen Himmel und sein silberner Schein vermischt sich mit dem Licht der Kerze, die fast heruntergebrannt ist. Die Räucherung ist verglüht, mein Ritual an die Mondgöttin ist beendet. Lächelnd lehne ich mich zurück, lösche die Kerze und beobachte noch eine Weile die silberne Sichel am Firmament.

Isabeau, 07.05.03    
         

zurück nach oben